Britta Habekost

Britta Habekost: Aus dem Leben…

Das hier ist keine Biografie. Die äußeren Faktoren in meinem bisherigen Leben waren nicht so furchtbar spannend, manche sogar ziemlich durchschnittlich. Es sind viel eher innere Erfahrungen, die mich dem gemacht haben, was ich bin. Die mich auf den Weg geführt haben, auf dem ich erkannt habe, dass ich nichts anderes tun kann, will und werde als schreiben. Meine Mama und mein Papa waren der Meinung, dass die Welt ein böser Ort ist, vor dem sie mich und meine Schwester beschützen müssen. Gleichzeitig spornten sie uns aber darin an, in dieser Welt das Beste zu geben und anhand all der Regeln da draußen unbedingt zu bestehen. Der erste Riss in meinem Weltgefüge. Ich wuchs auf mit dem zwiespältigen Gefühl, anders zu sein, was ich einerseits genoss. Und dann war da noch das innere Wissen, dass ich vielleicht zu anders bin, um da draußen mithalten zu können. Das machte mir damals ein wenig Angst. Vielleicht war das ein begrenzender Glaubenssatz. Denn so kam es, dass ich nur gut in dem war, was ich mochte. Und grottenschlecht in allem anderen. Schule war ein Kampf. Und ich wollte nicht kämpfen. Man könnte es eine Flucht nennen. Ich war eines dieser typischen feingeistigen und etwas verlorenen Teenager, die glaubten, dass eine 5 in Mathe aufgewogen wurde durch die Tatsache, dass ich „Die Leiden des jungen Werther“ las. Ich dachte, dass schlechte Noten in Naturwissenschaften mein wahres Wesen adeln. Jedenfalls war ich programmatisch gepolt auf die schönen Künste, Magie, Musik, das Dunkle und Abwegige. Meine Familie nannte mich weltfremd. So unrecht hatten sie nicht. Aber ich finde auch heute noch, dass die Welt besonders schön ist, wenn man manchmal fremd darin ist.

Kaum hatte ich meine erste eigene Wohnung, lockerte sich das Gefühl, behütet und beschützt zu sein und ich stürzte mich in eine Welt, nach der ich mich schon lange gesehnt hatte. Dunkle Subkulturen haben mich schon immer fasziniert und ich lebte mich in diesen Gefilden auf jeder Ebene aus. Ich hatte während meiner Jugend oft das Gefühl, abgeschnitten zu sein von den Dingen, die nach mir rufen. Und deswegen überstürzte ich die Sache wohl ein wenig. Innerhalb eines Jahres hatte ich mich von einem schüchternen, introvertierten Mädchen in eine junge Frau verwandelt, die für alles bereit war. Auch für Dinge, für die ich damals vielleicht ein bisschen zu jung war…. Ich begann mich für innere Grenzgänge zu interessieren und hatte auf einmal das Bedürfnis, etwas hinter mir zu lassen, was aus heutiger Sicht betrachtet eine schöne und besondere Jugend war. Eine enge Freundin von mir arbeitete damals als professionelle Domina in einem Studio in Süddeutschland und lud mich ein, bei ihr zu hospitieren. Ich hatte keinerlei Skrupel, mich auf diese Erfahrung einzulassen.

Diese Welt war verboten, dunkel und abseitig - dachte ich damals - und ich konnte sie wunderbar mit meinem Lebensgefühl vereinbaren. Heraus kamen annähernd fünf Jahre eines Doppellebens, von dem nur meine Eltern und meine besten Freunde wussten. Und, dank des Wikipedia-Artikels einiger nerdiger Schlaumeier, die wohl die stark vereinfachte öffentliche Zurschaustellung anderer Menschen bevorzugen, heute mittlerweile jeder, der es wissen will. Ich habe einige Zeit damit gehadert, dass ich diese fünf Jahre meines Lebens nicht damit verbracht habe, mir eine Zukunft aufzubauen, die etwas mit meinem Studium zu tun hat. Meine Kommilitonen hatten alle eine bürgerliche Arbeit, die zwar schlecht bezahlt, aber richtungsweisend war. Ich stand nach dem Studium mit leeren Händen da. Mit den Jahren hatte ich mich von meinem dunklen Ich ein wenig fortentwickelt und verspürte keine Lust mehr darauf, Männer meine Stiefel küssen zu lassen. Alles wird mit der Zeit … nun, schnöde. Dazu kam, dass ich in der Zwischenzeit meinen Liebsten kennenlernte. Er entführte mich ganz romantisch aus dem Talkessel von Stuttgart in die grünen Weiten der Pfalz, wo mir ein ganz neuer, frischer Wind um die Ohren wehte.

In der orientierungslosen Zeit nach der Uni arbeitete ich einige Jahre als Museumsführerin in verschiedenen Häusern und begann mir die Frage zu stellen, wohin der Weg nun gehen soll. Es war Christian, der mir die alles entscheidenden drei Fragen stellte: Was kannst du am besten? Was liebst du am meisten? Und mit was würdest du am liebsten dein Leben verbringen? Und ganz plötzlich, ohne dass ich jemals zuvor in meinem Leben daran gedacht hatte, wusste ich die Antwort. Schreiben. Ich habe immer geschrieben, seit meinem 8. Lebensjahr. Kurzgeschichten, Romane, Gedichte. Ich habe sie geschrieben. Und wieder weggeworfen. Es war nichts, an dem mein Herz hing, eher eine Form der Entspannung. Natürlich war er immer da, dieser heftige, innere Drang. Aber als Jugendliche hatte ich ihn missdeutet. Da war nie der Gedanke, dass ich damit einmal mein Leben füllen will. Denn in den Glaubensmuster, in denen ich groß wurde, war ein Künstler nur akzeptabel, wenn er mega erfolgreich war. Alles andere war nur Hobby, Liebhaberei. Und nun wagte ich es. Ich schrieb.

Ich schrieb ein Buch über meine Zeit als professionelle Domina. Es war diese Zeit um 2010/11, als die Verlagswelt sehr offen war für derartige Themen. „Lessons in Lack“ wurde ein kleiner Bestseller und verkaufte sich einige Jahre lang ziemlich gut. Was folgte, waren Romane und Krimis über alles, was mich interessierte. Kunst und Kunstgeschichte verpackt in historischen Thrillern. Kriminalromane, die sich um sexuelle Abgründe drehen. Erotische Novellen über nostalgische Nylonstrümpfe. Einiges davon gibt es einfacherweise als E-Book, da es in der heutigen Verlagslandschaft immer schwieriger wird, sich mit Off-mainstream-Themen durchzusetzen.

Und dann: die Pfalz. Ich habe durch meine Liebe zu Christian Chako Habekost, der mir 2012 in Wien einen Heiratsantrag machte, eine ebenso große Liebe zu diesem Teil von Deutschland entwickelt. Um ehrlich zu sein, hatte ich zuvor niemals ein Gefühl von Heimat. Hier in der Pfalz habe ich sie. Ich habe mich dank Christian von einem kleinen Kultursnob, der nur Hochdeutsch spricht, zu einem Menschen gewandelt, der sich jetzt als Dialektfetischisten bezeichnen würde. Ich liebe verrückte, ausgefallene oder ausgestorbene Wörter aus allen Dialekten und Mundarten. Eines Abends saßen wir in Andalusien auf einer Terrasse und schauten in die dunkle Weite und den Sternenhimmel und da kam auf einmal diese Idee angeflogen, ein gemeinsames Buch zu schreiben. Ein Buch, in dem wir unsere Liebe zur Pfalz und seinen Bewohnern, zu den liebenswerten Besonderheiten unserer Kultur und natürlich zum Wein versammeln und in einer einzigartigen Geschichte so richtig abfeiern können. Dabei war die Arbeitsteilung schnell festgelegt. Christian ist ein Mensch, der unglaublich schnell zum komischen, satirischen Kern einer Sache vorstößt, ich bin eher die Geschichtenerzählerin. Und so entstand Elwenfels, das bald zu einem dreibändigen kleinen Universum angewachsen sein wird.

Für mich heißt Leben Vielseitigkeit. Das Leben ist ein Buffet und man nimmt sich alles, von dem man angezogen wird. So ist es auch mit dem Schreiben. Ich dachte 2011, dass ich nur erotische Bücher schreiben würde. Aber schnell war klar - ja, das Element erotischer, dominanter Frauen würde sich mal mehr, mal weniger durch mein Werk ziehen. Aber es gibt darüber hinaus noch so viel mehr. Nostalgie, Kunst, Literatur, Großstädte, Geheimnisse, abseitige Sehnsüchte, Absurditäten. Mein Hauptinteresse gilt jedoch abgefahrenen, speziellen Geschichten, die man mit normalen Maßstäben nicht messen kann. Und ich habe noch so viel in der Pipeline…..